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Wissen

Geschichte deutscher Sprichwörter

Deutsche Sprichwörter sind wesentlich älter als ihre schriftliche Überlieferung. Was wir kennen, ist der Teil, den jemand aufgeschrieben hat, und aufgeschrieben wurde erst, als Sprichwörter als sammelnswert galten.

Mittelalter

Die frühesten Belege stehen verstreut in Dichtung und Rechtstexten. Freidanks Spruchsammlung „Bescheidenheit“ aus dem 13. Jahrhundert ist eines der ersten deutschsprachigen Werke, das Lebensweisheit in gereimter Kurzform bündelt. Der Sachsenspiegel überliefert Rechtsregeln, die sich wie Sprichwörter lesen und teilweise auch so weitergegeben wurden.

16. Jahrhundert: der Durchbruch

Zwei Entwicklungen fallen zusammen. Erasmus von Rotterdam veröffentlicht 1500 die „Adagia“, eine kommentierte Sammlung antiker Sprichwörter, die zum europäischen Bestseller wird. Und Luthers Bibelübersetzung bringt hunderte Wendungen in eine Sprache, die überall gelesen wird. Luther selbst sammelte Sprichwörter, seine Sammlung erschien erst lange nach seinem Tod.

1541 legt Sebastian Franck die erste große deutsche Sprichwörtersammlung vor. Bei ihm ist Das Kind mit dem Bade ausschütten belegt, ein Beispiel dafür, wie alt Wendungen sind, die heute völlig gegenwärtig klingen. Im selben Jahrhundert nutzt Johann Agricola Sprichwörter für die Volksbildung, und Hans Sachs baut sie in seine Schwänke ein.

17. und 18. Jahrhundert

Die Barockzeit sammelt weiter, aber mit anderem Interesse: Sprichwörter werden als Zierrat der Rede geschätzt, nicht als Volksgut. Erst mit Herder und der Romantik kippt das. Jetzt gilt das Sprichwort als Ausdruck eines Volksgeistes, und das Sammeln bekommt einen ideologischen Beiklang, der bis weit ins 20. Jahrhundert nachwirkt.

19. Jahrhundert: Wander

Das mit Abstand größte Werk stammt von Karl Friedrich Wilhelm Wander. Sein „Deutsches Sprichwörter-Lexikon“ erscheint ab 1867 in fünf Bänden und enthält weit über hunderttausend Einträge, mit Quellenangaben und Parallelen aus anderen Sprachen. Wander sammelte über Jahrzehnte und ruinierte sich dabei finanziell.

Für heutige Zwecke ist Wander Fundgrube und Falle zugleich. Der Bestand ist unerreicht und gemeinfrei. Aber ein großer Teil davon war schon damals veraltet, regional eng begrenzt oder nie verbreitet. Wer daraus schöpft, muss prüfen, ob eine Formulierung je in Gebrauch war und ob ihre Bedeutung heute noch verständlich ist. Wir tun das für jeden Eintrag einzeln.

20. Jahrhundert bis heute

Die Sprichwortforschung wird zur wissenschaftlichen Disziplin, die Parömiologie. Lutz Röhrich legt mit dem „Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten“ ein Standardwerk zu den Redewendungen vor, das erstmals systematisch zwischen belegter Herkunft und volkstümlicher Deutung unterscheidet. Genau diese Trennung ist auch das Prinzip dieses Nachschlagewerks.

Der Bestand selbst schrumpft. Untersuchungen zur Sprichwortkenntnis zeigen, dass jüngere Sprecher deutlich weniger Sprichwörter aktiv beherrschen als ältere, den Kernbestand von einigen hundert aber weiterhin sicher kennen. Verschwunden sind vor allem die Sätze, deren Bildwelt nicht mehr vorkommt: alles Bäuerliche, alles Handwerkliche, alles Ständische.