Wissen
Falsche Herkunftsgeschichten
Zu fast jeder Redewendung findet sich im Netz eine Herkunftsgeschichte. Sie ist meist kurz, anschaulich und endet mit einer überraschenden Pointe. Und in vielen Fällen ist sie erfunden.
Das ist kein böser Wille, sondern ein Nebeneffekt: Ein Bild, das nicht mehr verstanden wird, verlangt nach einer Auflösung. Wer keine findet, konstruiert eine. Wenn sie plausibel klingt, wird sie abgeschrieben, und nach der zwanzigsten Wiederholung wirkt sie wie gesichertes Wissen.
Vier Warnzeichen
- Zu genau. Die Geschichte nennt ein Jahr, einen Ort und eine handelnde Person, obwohl es um eine Alltagswendung geht, die niemand protokolliert hat.
- Zu passend. Die Erklärung löst das Bild restlos auf und lässt keinen Rest. Echte Etymologie ist selten so sauber.
- Zu drastisch. Auffällig viele Deutungen enden bei Folter, Pest, Hinrichtung oder mittelalterlichem Schmutz. Das Mittelalter ist der Lieblingsschauplatz erfundener Etymologien.
- Keine Quelle. Es wird kein Beleg genannt, sondern nur behauptet. Ein sauberer Herkunftsnachweis verweist auf einen Text und ein Datum, an dem die Wendung bereits belegt ist.
Bekannte Fälle
Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser
Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. wird fast überall Lenin zugeschrieben. In seinen Schriften steht der Satz nicht. Er gilt als russisches Sprichwort, das ihm in deutschen Darstellungen in den Mund gelegt wurde.
Wurzeln und Flügel
Eltern können ihren Kindern nur zwei Dinge mitgeben: Wurzeln und Flügel. steht in unzähligen Ratgebern unter Goethes Namen. Bei Goethe findet sich nichts dergleichen. Die Formulierung taucht erst im 20. Jahrhundert auf.
Der Trauervers
Was man tief in seinem Herzen besitzt, kann man nicht durch den Tod verlieren. gehört zu den meistgedruckten Sätzen auf deutschen Trauerkarten, immer mit Goethe darunter. In seinen Werken und Briefen ist er nicht nachweisbar.
Der Weg ist das Ziel
Der Weg ist das Ziel. wird routinemäßig Konfuzius zugeschrieben. Ein Beleg in den konfuzianischen Texten fehlt. Fernöstliche Zuschreibungen sind besonders anfällig, weil kaum jemand nachprüft.
In der Ruhe liegt die Kraft
In der Ruhe liegt die Kraft. wird mal Konfuzius, mal Laotse, mal einem nicht näher bestimmten chinesischen Sprichwort zugeordnet. Nachweisbar ist keine dieser Quellen.
Wie wir damit umgehen
Jeder Eintrag in diesem Nachschlagewerk hat einen Herkunftsstatus. Er lautet belegt, wenn sich eine Quelle oder ein früher Nachweis angeben lässt, vermutet, wenn eine Erklärung fachlich vertreten wird, aber nicht gesichert ist, und unklar, wenn nichts Belastbares vorliegt.
Im letzten Fall steht bei uns kein Herkunftstext, sondern der Hinweis, dass die Herkunft nicht eindeutig belegt ist. Das ist unbefriedigender zu lesen als eine gute Geschichte, aber es ist richtig. Wo eine verbreitete Zuschreibung nachweislich falsch ist, sagen wir das ausdrücklich, statt sie schweigend wegzulassen. Mehr zu unserem Vorgehen steht unter Quellen.