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Wissen

Was ist ein Sprichwort?

Ein Sprichwort ist ein kurzer, feststehender Satz, der eine allgemeine Erfahrung oder Regel ausdrückt. Drei Dinge machen es aus: Es ist ein vollständiger Satz, es ist unveränderlich überliefert, und es macht eine Aussage, die über den Einzelfall hinausgeht.

Aller Anfang ist schwer. erfüllt alle drei Kriterien. Der Satz steht für sich, man kann ihn nicht beliebig umformulieren, ohne dass er aufhört, ein Sprichwort zu sein, und er behauptet etwas über Anfänge im Allgemeinen, nicht über einen bestimmten.

Woran man ein Sprichwort erkennt

  • Satzform. Ein Sprichwort ist ein ganzer Satz, meist im Präsens und ohne Bezug auf konkrete Personen. Es hat kein Subjekt, das man kennt: „man“, „wer“, „jeder“, oder ein allgemeines Bild wie der Vogel, der Krug, der Apfel.
  • Feste Form. Wortlaut und Wortstellung liegen weitgehend fest. Varianten gibt es, aber sie sind überliefert und begrenzt, nicht frei erfunden. Neben Der frühe Vogel fängt den Wurm. steht keine Fassung mit einem anderen Tier.
  • Allgemeingültigkeit. Die Aussage gilt nicht nur hier und jetzt. Deshalb funktionieren Sprichwörter auch als Kommentar zu einer Lage, in der sie eigentlich gar nicht gemeint waren.
  • Anonymität. Ein echtes Sprichwort hat keinen greifbaren Urheber mehr. Manche gehen zwar auf eine literarische Quelle zurück, aber niemand denkt beim Sprechen daran.

Der Klang gehört dazu

Auffällig viele Sprichwörter reimen sich, haben einen Stabreim oder eine gleichmäßige Betonung. Eile mit Weile. ist ein Binnenreim in zwei Wörtern. Morgenstund hat Gold im Mund. arbeitet mit dem Gleichklang von Stund und Mund. Das ist kein Zufall: In einer Zeit, in der die meisten Menschen nicht lesen konnten, wurde nur weitergegeben, was sich behalten ließ. Der Reim war die Speichertechnik.

Deshalb wirken viele Sprichwörter sprachlich altmodisch. Sie haben Wortstellungen und Formen bewahrt, die sonst längst verschwunden sind. „Gut Ding will Weile haben“ steht ohne Artikel und ohne Endung da, wie man heute nicht mehr spricht.

Was kein Sprichwort ist

Zitate haben einen Urheber. Redewendungen sind keine vollständigen Sätze. Aphorismen sind bewusst als Einzelleistung formuliert und leben davon, dass sie überraschen. Und Kalendersprüche, die vor 2010 niemand gehört hat, sind keine Sprichwörter, auch wenn sie so klingen und in genau diesem Ton verkauft werden.

Die Grenze ist trotzdem durchlässig. Manche Sätze sind auf dem Weg vom Zitat zum Sprichwort schon weit gekommen. Kleider machen Leute. war zuerst eine Redensart, dann der Titel einer Novelle von Gottfried Keller, und heute sagt man den Satz, ohne an Keller zu denken. Wenn der Urheber im Sprachgebrauch verschwindet, ist der Übergang vollzogen.

Sprichwörter widersprechen sich

Zu fast jedem Sprichwort gibt es ein Gegenstück. „Wer wagt, gewinnt“ steht neben „Erst wägen, dann wagen“. „Gleich und gleich gesellt sich gern“ steht neben „Gegensätze ziehen sich an“. Das ist kein Mangel, sondern Absicht: Ein Sprichwort ist kein Lehrsatz, sondern ein Kommentar zu einer Lage. Welcher passt, entscheidet sich erst im Einzelfall. Als Beweismittel taugen sie deshalb wenig, als Ausdrucksmittel umso mehr.

Wie sich Sprichwort und Redewendung genau unterscheiden, steht in einem eigenen Beitrag. Alle Sprichwörter dieses Nachschlagewerks sind nach Themen sortiert.