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Wissen

Wie entstehen Sprichwörter?

Sprichwörter werden nicht erfunden, sie setzen sich durch. Am Anfang steht in aller Regel eine Formulierung, die jemand gebraucht hat, die anderen einleuchtete und die deshalb weitergegeben wurde. Aus einer Beobachtung wird eine Redensart, aus der Redensart mit genügend Wiederholung ein Sprichwort. Der Punkt, an dem der Übergang stattfindet, lässt sich fast nie datieren.

Vier Hauptquellen

Alltagserfahrung

Die größte Gruppe. Bilder aus Landwirtschaft, Handwerk, Haushalt und Wetter, verdichtet zu einem merkbaren Satz. Diese Sprichwörter haben keinen Urheber und keinen Anfangspunkt. Eigener Herd ist Goldes wert. gehört dazu, ebenso die meisten Sätze über Essen, Nachbarn und Geld.

Übersetzung aus dem Lateinischen

Ein erheblicher Teil des deutschen Bestands ist übersetzt. Latein war bis in die frühe Neuzeit die Sprache der Gebildeten, und ihre Sammlungen wurden ins Deutsche übertragen. Eile mit Weile. ist die deutsche Fassung von „festina lente“, Irren ist menschlich. die von „errare humanum est“. Erasmus von Rotterdam legte 1500 mit den „Adagia“ eine Sammlung antiker Sprichwörter vor, die über Jahrhunderte als Steinbruch diente.

Bibel

Die Lutherübersetzung hat mehr Sprichwörter in den deutschen Alltag gebracht als jedes andere Buch. Hochmut kommt vor dem Fall., Was der Mensch sät, das wird er ernten. und Der Prophet gilt nichts im eigenen Land. sind Bibelverse, die kaum noch jemand als solche erkennt. Ein eigener Beitrag geht dem nach.

Literatur

Manchmal prägt ein Autor eine Formulierung so treffend, dass sie sich ablöst. Schillers Früh übt sich, was ein Meister werden will. steht heute in Zusammenhängen, die mit „Wilhelm Tell“ nichts zu tun haben. Solche Sätze sind streng genommen geflügelte Worte, aber wenn die Quelle im Sprachbewusstsein verschwindet, werden sie zu Sprichwörtern.

Wie ein Sprichwort altert

Sprichwörter halten sich oft länger als die Sache, von der sie sprechen. Der Kerbholz, das Vogelschießen, die Haube der verheirateten Frau: alles verschwunden, die Sätze geblieben. Das führt dazu, dass das Bild irgendwann nicht mehr verstanden wird, und dann passiert eines von drei Dingen.

  • Das Sprichwort verschwindet mit.
  • Es wird umgedeutet und bekommt eine neue, falsche Erklärung.
  • Es wird weiterverwendet, ohne dass jemand fragt, was das Bild eigentlich meint. Das ist der häufigste Fall.

Entstehen noch neue?

Kaum, jedenfalls nicht in derselben Form. Neue feste Wendungen entstehen durchaus, aber sie kommen heute aus Werbung, Politik und Netzsprache, verbreiten sich schnell und verschwinden ebenso schnell wieder. Zum Sprichwort gehört, dass niemand mehr weiß, woher es kommt, und dieser Zustand braucht Jahrzehnte.

Dazu kommt ein technischer Grund: Sprichwörter waren ein Speichermedium für Erfahrungswissen in einer Gesellschaft ohne allgemeine Schriftkenntnis. Diese Aufgabe haben sie verloren. Was bleibt, ist die sprachliche: ein fertiges Bild, das man nicht selbst formulieren muss.